|
"Die Kinder von der Straße holen"
Fortsetzung von Seite 9
Thies Hagge hat große Pläne. Da die Anzahl der Kinder steigt und steigt,
sucht man gerade verzweifelt nach größeren Räumlichkeiten in der
unmittelbaren Nachbarschaft. Eine Planungsvariante betrifft das
Kirchengelände. Man hofft, dort auf einem ehemaligen Parkplatz bis
Ende des Jahres bauen zu können, um eine größere und schönere ARCHE
zu errichten, in der alle Platz finden. An der Tür wird niemand
abgewiesen, und wenn die ARCHE so weiter wächst wie bisher, dann
MUSS dringend erweitert werden.
Ich werde von Thies Hagge zum Mittagessen eingeladen; es gibt wahlweise Kartoffeln mit einer Bechamelsoße
oder Rührei mit Gemüse. Dazu Salat, und als Nachtisch frische Weintrauben.
Hagge telefoniert bereits wieder, also nehme ich zwischen Tobias
Lucht und den Weintrauben im großen ehemaligen Gemeindesaal Platz.
Die Atmosphäre ist locker und gelöst, aber dennoch ruhig, denn an
den Nachbartischen haben bereits zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen
mit der Hausauf-gabenhilfe begonnen. Noch während wir uns über dringliche
Förderungsmaßnahmen unterhalten, tauchen drei neue Kinder auf, die
an diesem Tag die ARCHE zum ersten Mal besuchen. Schon wieder bin
ich abgemeldet, denn Tobias setzt sich gleich zu ihnen an einen
anderen Tisch, um mehr über die Kids zu erfahren. Ich fühle mich
jedoch überhaupt nicht abgemeldet, denn so habe ich die Gelegenheit,
noch ein wenig herumzuwandern und auch an anderen Stellen zu erleben,
wie die "gelebte" Betreuung in der ARCHE aussieht.
Ich frage für meinen Bericht nach "guten Geschichten" – und werde ins Büro
verwiesen, wo ich Heike Marks begegne. Sie ist ein sehr gutes Beispiel
für das Gelingen des ARCHE-Gedankens, denn sie war 1995 eine der
ersten Besucherinnen der ARCHE in Berlin. Heute arbeitet sie hauptamtlich
in der ARCHE Hamburg, leitet das Büro und kümmert sich um die Kinder.
Noch während sie mir ihre Geschichte erzählt, erscheinen einige
der Kids und holen sie in den Hauptraum, damit sie dort mit ihnen
Monopoly spielt. Den Artikel der Monatszeitschrift "Szene Hamburg",
den sie mir versprochen hat, wird sie mir mit der Post zuschicken,
ruft sie mir im Weggehen noch nach.
|
Bis Redaktionsschluss dieser IE ist dieser Artikel übrigens nicht bei mir eingetroffen, was mich
weder verwundert noch verärgert. In der ARCHE gibt es wichtigere Dinge zu erledigen.
Ich beobachte den Eingang: Die Kinder erscheinen "unkontrolliert". Es gibt
keine Anwesenheitslisten, obwohl man schon
versucht, ihre Eltern kennen zu lernen (falls diese sie bringen
oder abholen) und auch, eine Telefonliste zu erstellen. Verhält
sich ein Kind auffällig oder wird nicht abgeholt, so haken die Betreuer
nach. Es hat in der Gemeinde einiges an Gewicht, wenn der zuständige
Pastor zusammen mit einem Sozialarbeiter an der heimischen Wohnungstür
auftaucht. Pastor Hagge ist nicht daran gelegen, familiären "Unfrieden"
hervorzu-rufen. Seine Besuche sind immer mit Hilfsangeboten für
alle Betroffenen verbunden. Und auch mit der unausgesprochenen Drohung,
dass im Zweifel auch die Hilfe von städtischen Ordnungshütern in
Anspruch genommen wird, sollten minderjährige Schutzbefohlene in
Ausübung ihres Lebens eingeschränkt werden, wie man es so schön
im Amtsdeutsch formulieren kann.
Dieses persönliche Engagement zeigt Wirkung: Einige gewalttätige Familiensituationen
konnten bereits entschärft werden, und mehr und mehr von den Alltagssituationen
überforderte Eltern haben bereits von Hilfsangeboten Gebrauch gemacht.
Erfolge zeigen sich aber auch in kleinerem Rahmen, wie mir Andy
(20) in der Küche berichtet. Neulich erst hat sich eine 12-Jährige,
die ihre siebenjährige Schwester tagtäglich zur ARCHE brachte und
abholte, dazu bereit erklärt, sie und deren Spielgefährtinnen zweimal
die Woche als Aufsicht zu begleiten. Andy ist übrigens Gemeindemitglied
der Friedenskirche und hat die ARCHE von Anfang an begleitet, indem
er half, das hauseigene Computernetzwerk auf Kurs zu bringen. Heute
ist er insbesondere bei Veranstaltungen wie der Kinderdisko jeden
Donnerstag eingespannt, während er auf seine Lehrstelle als Zierpflanzengärtner
wartet, die im kommenden September beginnt. Außerdem agiert er täglich
als Essensausgeber, DJ, Computerspielexperte oder Fußballlehrer
und überwacht zudem die Aktivitäten, die im Garten stattfinden,
wie zum Beispiel die Völkerballspiele. "Eine bessere Zeitüberbrückung
als meine Tätigkeit für die ARCHE kann ich mir nicht denken", erläutert
er mir, während er die benutzten Teller und Gläser des Mittagessens
in die Spülmaschine packt.
Der gleichen Meinung ist auch Eileen
(28), die immer dienstags als ehrenamtliche Mitarbeiterin in die
ARCHE kommt. Sie studiert Diplompädagogik und schreibt ihre Abschlussarbeit
bei der Jenfelder ARCHE. Noch während sie mir ihren beruflichen
Werdegang beschreibt, wird sie mir schon von Yasmin (10) und Mikra
(5) zum Uno-Spielen entführt. Mikra und Yasmin hätten mich auch
gern dabei, aber ich kann mich durch vorgegebene Unkenntnis des
Spiels auf eine entfernte Ecke des angepeilten Sofas zurückziehen
und im Gespräch mit den
Fortsetzung
|