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Gesellschaft & Medien 10/11
Mai 2006
"Die Kinder von der Straße holen"
Thies Hagge hat große Pläne. Da die Anzahl der Kinder steigt und steigt, sucht man gerade verzweifelt nach größeren Räumlichkeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft. Eine Planungsvariante betrifft das Kirchengelände. Man hofft, dort auf einem ehemaligen Parkplatz bis Ende des Jahres bauen zu können, um eine größere und schönere ARCHE zu errichten, in der alle Platz finden. An der Tür wird niemand abgewiesen, und wenn die ARCHE so weiter wächst wie bisher, dann MUSS dringend erweitert werden.
Ich werde von Thies Hagge zum Mittagessen eingeladen; es gibt wahlweise Kartoffeln mit einer Bechamelsoße oder Rührei mit Gemüse. Dazu Salat, und als Nachtisch frische Weintrauben. Hagge telefoniert bereits wieder, also nehme ich zwischen Tobias Lucht und den Weintrauben im großen ehemaligen Gemeindesaal Platz. Die Atmosphäre ist locker und gelöst, aber dennoch ruhig, denn an den Nachbartischen haben bereits zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen mit der Hausauf-gabenhilfe begonnen. Noch während wir uns über dringliche Förderungsmaßnahmen unterhalten, tauchen drei neue Kinder auf, die an diesem Tag die ARCHE zum ersten Mal besuchen. Schon wieder bin ich abgemeldet, denn Tobias setzt sich gleich zu ihnen an einen anderen Tisch, um mehr über die Kids zu erfahren. Ich fühle mich jedoch überhaupt nicht abgemeldet, denn so habe ich die Gelegenheit, noch ein wenig herumzuwandern und auch an anderen Stellen zu erleben, wie die "gelebte" Betreuung in der ARCHE aussieht.
Foto: Corinna Kahl
Ich frage für meinen Bericht nach "guten Geschichten" – und werde ins Büro verwiesen, wo ich Heike Marks begegne. Sie ist ein sehr gutes Beispiel für das Gelingen des ARCHE-Gedankens, denn sie war 1995 eine der ersten Besucherinnen der ARCHE in Berlin. Heute arbeitet sie hauptamtlich in der ARCHE Hamburg, leitet das Büro und kümmert sich um die Kinder. Noch während sie mir ihre Geschichte erzählt, erscheinen einige der Kids und holen sie in den Hauptraum, damit sie dort mit ihnen Monopoly spielt. Den Artikel der Monatszeitschrift "Szene Hamburg", den sie mir versprochen hat, wird sie mir mit der Post zuschicken, ruft sie mir im Weggehen noch nach.
Bis Redaktionsschluss dieser IE ist dieser Artikel übrigens nicht bei mir eingetroffen, was mich weder verwundert noch verärgert. In der ARCHE gibt es wichtigere Dinge zu erledigen.
Ich beobachte den Eingang: Die Kinder erscheinen "unkontrolliert". Es gibt keine Anwesenheitslisten, obwohl man schon versucht, ihre Eltern kennen zu lernen (falls diese sie bringen oder abholen) und auch, eine Telefonliste zu erstellen. Verhält sich ein Kind auffällig oder wird nicht abgeholt, so haken die Betreuer nach. Es hat in der Gemeinde einiges an Gewicht, wenn der zuständige Pastor zusammen mit einem Sozialarbeiter an der heimischen Wohnungstür auftaucht. Pastor Hagge ist nicht daran gelegen, familiären "Unfrieden" hervorzu-rufen. Seine Besuche sind immer mit Hilfsangeboten für alle Betroffenen verbunden. Und auch mit der unausgesprochenen Drohung, dass im Zweifel auch die Hilfe von städtischen Ordnungshütern in Anspruch genommen wird, sollten minderjährige Schutzbefohlene in Ausübung ihres Lebens eingeschränkt werden, wie man es so schön im Amtsdeutsch formulieren kann.
Dieses persönliche Engagement zeigt Wirkung: Einige gewalttätige Familiensituationen konnten bereits entschärft werden, und mehr und mehr von den Alltagssituationen überforderte Eltern haben bereits von Hilfsangeboten Gebrauch gemacht.
Erfolge zeigen sich aber auch in kleinerem Rahmen, wie mir Andy (20) in der Küche berichtet. Neulich erst hat sich eine 12-Jährige, die ihre siebenjährige Schwester tagtäglich zur ARCHE brachte und abholte, dazu bereit erklärt, sie und deren Spielgefährtinnen zweimal die Woche als Aufsicht zu begleiten. Andy ist übrigens Gemeindemitglied der Friedenskirche und hat die ARCHE von Anfang an begleitet, indem er half, das hauseigene Computernetzwerk auf Kurs zu bringen. Heute ist er insbesondere bei Veranstaltungen wie der Kinderdisko jeden Donnerstag eingespannt, während er auf seine Lehrstelle als Zierpflanzengärtner wartet, die im kommenden September beginnt. Außerdem agiert er täglich als Essensausgeber, DJ, Computerspielexperte oder Fußballlehrer und überwacht zudem die Aktivitäten, die im Garten stattfinden, wie zum Beispiel die Völkerballspiele. "Eine bessere Zeitüberbrückung als meine Tätigkeit für die ARCHE kann ich mir nicht denken", erläutert er mir, während er die benutzten Teller und Gläser des Mittagessens in die Spülmaschine packt.
Der gleichen Meinung ist auch Eileen (28), die immer dienstags als ehrenamtliche Mitarbeiterin in die ARCHE kommt. Sie studiert Diplompädagogik und schreibt ihre Abschlussarbeit bei der Jenfelder ARCHE. Noch während sie mir ihren beruflichen Werdegang beschreibt, wird sie mir schon von Yasmin (10) und Mikra (5) zum Uno-Spielen entführt. Mikra und Yasmin hätten mich auch gern dabei, aber ich kann mich durch vorgegebene Unkenntnis des Spiels auf eine entfernte Ecke des angepeilten Sofas zurückziehen und im Gespräch mit den
 
Online-Magazin Im Endeffekt Ausgabe 10· © 2003 - 2006 danielwelt.de · Impressum · Printausgabe